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Angekommen?

Eine Kurzgeschichte von Loretta Stern

Warme Sonnenstrahlen kitzeln Dich auf der Nase. Du öffnest langsam die Augen und gewöhnst sie an das weiche Morgenlicht, das durch das halb geöffnete Fenster golden hereinglänzt. Der leichte Wind draußen bewegt die Äste der Bäume, so dass ihre Schatten auf den geweissten Holzwänden Deines Zimmers zu tanzen scheinen. Während Du Dich streckst, hörst Du, wie die Vögel Dir von draussen einen guten Tag wünschen. Du füllst Deine Lungen mit einem reichhaltigen Zug, spürst, wie die Luft sich in Deinem Körper verteilt und hältst einen kleinen Moment inne, randvoll befüllt mit frischem Sauerstoff in Deinen Zellen. Dann atmest Du sorgfältig wieder aus, setzt Dich auf und betrittst den neuen Tag.

Während Du das kleine Wohnzimmer querst, spürst Du den warmen Holzboden unter Deinen Füßen. Eigentlich möchtest Du Dir als erstes einen Kaffee zubereiten, aber dann fällt Dein Blick durch das Wohnzimmerfenster auf den See, der unterhalb Deines mökki liegt. Friedlich und unberührt sieht er aus, mit vollkommen glatter Oberfläche, als wäre sie aus Glas. Du stellst Dir vor, wie es sich anfühlt, in das kühle Wasser hinein zu tauchen, und beschliesst, den Tag mit einem Bad zu beginnen.Mit einem Handtuch in der Hand machst Du Dich auf den kurzen Weg durch den Wald, der bis an das Ufer des Sees heranreicht. Die Blätter der Birken rauschen sanft im Wind, es kommt Dir vor, als ob sie Dir freundlich zuwinken würden. Am Rand des schmal ausgetretenen Pfades, der zum See führt, siehst Du zwischen Moosflecken und Flechten die ersten dunkelroten Moltebeeren. Sie wirken wie kleine richtungsweisende Markierungen.

Du berührst den Stamm Deines Lieblingsbaumes im Vorbeigehen, als würdest Du einem alten Freund kurz die Hand auf die Schulter legen. Du riechst den torfigen Waldboden, den herben Duft der von der Morgensonne beschienenen Fichtennadeln, und fühlst Dich als Teil der unberührten Pflanzenwelt, die um Dich herum wächst und gedeiht. Bist tief erfüllt vom schlichten Glück des leise beginnenden Tages – ohne Pflichten, ohne Hast, ohne Termine und Verbindlichkeiten. Es ist nicht von Bedeutung, wer Du bist. Wichtig ist nur, dass Du existierst. Und das spürst Du gerade mit allen Sinnen.

Mittlerweile bist Du am Steg angekommen. Im Licht der Morgensonne funkelt das Wasser zwischen den verwitterten Bohlen und schickt helle Lichtreflexe aufs Holz. Du hast das Gefühl, über eine Märchenbrücke zu laufen. Du verlangsamst Deine Schritte und blickst über den See zum anderen Ufer, das ebenfalls gesäumt ist von würdevoll aufragenden alten Birken, Espen und Fichten. Wieder atmest Du tief und bewusst und nimmst die Waldluft in Dir auf. Einerseits ist Dir danach, vor Begeisterung laut loszuschreien, andererseits wirkt die Stille Deiner Umgebung derart mystisch auf Dich, dass Du Dich mitten in einer Art rituellen Handlung wähnst, deshalb entscheidest Du Dich, weiterhin zu schweigen und seufzt nur leise beim Ausatmen. Du legst das Handtuch ab, entkleidest Dich, hältst eine letzte Sekunde inne und springst dann in den eiskalten See, gleitest hinein wie in einen für Dich massgefertigten riesigen Handschuh.

Mit minimaler Verzögerung gelangt die Kältewahrnehmung Deiner Poren in Dein Gehirn. Dein Atem stockt kurz, dann wandelt sich das Gefühl des Frierens in eine prickelnde Wärme. Du durchmisst den See mit ruhigen Zügen, und immer, während Du die aneinandergelegten Handflächen kraftvoll, die Wassermasse teilend, nach vorne schiebst, hältst Du die Augen geschlossen. Du öffnest sie nur im kurzen Moment des Luftholens zwischen zwei Armkreisen. Jedesmal staunst Du, wie diamanten die Oberfläche schimmert, und siehst beim abermaligen Schliessen der Augen kleine weisse Sterne in den geschlossenen Lidern. Als Du am anderen Ufer Boden unter den Füßen spürst, kehrst Du um und schwimmst wieder in die Mitte des Sees, wo Du Dich auf dem Rücken liegend treiben lässt. Du weisst, Du könntest in diesem Moment nirgendwo richtiger sein als hier an Deinem Traumort im Wald. Du siehst in den Himmel, Du siehst die träge vorüberziehenden kleinen Schäfchenwolken, Du siehst die Vögel, die von einem Ufer zum anderen fliegen.

Den Elch, der sich Dir schwimmend nähert, siehst Du allerdings nicht, Du wirst erst auf ihn aufmerksam, als er direkt hinter ankommt und Dir mit einem Huf vorsichtig auf die Schulter tippt. Wie seltsam, denkst Du, es wirkt, als wollte er nur ein wenig mit mir plaudern, aber Du bleibst interessanterweise ganz ruhig, es kommt Dir irgendwie normal vor.  „Hallo, ich grüße Dich!“ sagst Du, und er neigt sein schweres, ausladend gekröntes Haupt ein klein wenig zur Seite und sieht Dich schelmisch an. „Die Mittagspause ist zu Ende, Kollege!“ feixt er. Diese Antwort ergibt für Dich zuerst überhaupt keinen Sinn, aber dann beginnen auch schon die Konturen um Dich herum zu verschwimmen. Er rüttelt abermals mit dem Huf an Deiner Schulter, der See verschwindet, die Bäume werden zu Wänden und die Wolken zu einem Computerbildschirm direkt vor Dir.

Du versuchst, Dich wieder gerade auf Deinen Bürostuhl zu setzen, und während Du Deine Wirbelsäule bändigst und mit müden Augen blinzelst, weisst Du nur eines mit großer Gewissheit: Du brauchst ganz schnell und dringend Urlaub.