You are here

Die Sache mit dem Hirvi

von Astrid Jung

„Nach Finnland?“ Mein Neffe sah mich kritisch an. „Das ist doch in Skandinavien? Mit vielen Wäldern und Seen und …“ Er überlegte kurz, dann hellte sich sein Blick auf und er strahlte: „Und mit Elchen!“ „Na klar“, sagte ich lau und fügte in Gedanken „und mit Mücken“ hinzu. „Elche“ überlegte ich, „gab es die nicht eher in Schweden? Naja, auch Finnland wird wohl einige haben.“ Im nächsten Moment war ich schon mit meinen Überlegungen woanders und ich besprach mit meinem Bruder, was noch alles vor der Fahrt zu erledigen sei. Da gab es schließlich viel: Nicht nur, dass mein Mann und ich zum ersten Mal unseren neunjährigen Neffen mitnehmen wollten, sondern wir wollten in ein uns unbekanntes Land reisen, das nur aus Seen, Bäumen und Wildnis zu bestehen schien. Würden wir unsere gemietete Hütte finden?

Der Vermieter hatte uns eine seltsame Hausnummer genannt: 1700. Gab es wirklich so viele Häuser in dem Dorf nahe Savolinna? Würden wir unsere Fähre rechtzeitig erreichen? Ist Finnland nicht etwas zu langweilig für einen kleinen Jungen? Gibt es da Bären? Können wir uns verständigen? Nicht nur Lukas schlief schlecht in der Nacht vor unserer Fahrt, auch mein Mann Sven und ich zappelten uns gegenseitig vor Aufregung wach. Und dann war alles ganz einfach: Wir genossen eine sonnige Fährfahrt, schliefen bei sanftem Seegang wunderbar in unserer klitzekleinen Kabine und staunten über das üppige Frühstückbuffet. Lukas wollte gar nicht mehr von Bord und als die ersten riesigen Möwen unser Schiff begleiteten und wir dann den Hafen von Helsinki sahen, war uns allen klar: Unser wundervoller Sommerurlaub hatte gerade schon begonnen.

Tervetuloa – So begrüßte uns bei strahlendem Sonnenschein die Stadt. Uns aber hielt es nicht lange, denn wir wollten heute noch unsere Ferienhütte in Mittelfinnland erreichen. Mit jedem zurückgelegten Kilometer stieg unsere Laune. Wir passierten Orte mit lustigen Namen wie Lahti (sprich Lachti), zählten Doppelvokale und freuten uns über „Äs“, als wir Järvenpää passierten. Der Verkehr nahm immer weiter ab, die Schönheit des Landes zu und unsere Stimmung erreichte den ersten Höhepunkt als wir ein Schild entdeckten, dass ein Dorf mit dem Namen Hirvisalmi anzeigte. „Hirvi“ erklärte Lukas „bedeute Elch“, also seien wir hier völlig richtig. Nach guten vier Stunden erreichten wir Kerimäki, ein Dorf in der Nähe von Savonlinna, und nun begann die große Suche. Nummer 1700? Wir fuhren hin - wir fuhren her. Niemals hat die Straße so viele Häuser! Umkehren- noch einmal. Es blieb dabei, die drei Häuser können doch keine so hohen Nummern haben. Also: Erster Kontakt mit den Einheimischen: „Hyvä päivä, sprechen Sie Englisch?“

Ich hatte Glück und erfuhr von einem sehr freundlichen Finnen, dass unser Haus gar nicht weit weg lag: Am nächsten Briefkasten links abbiegen und dann die Straße 1700 Meter lang fahren. Ist doch klar! „Kiitos“- und weiter ging es. Nach einer leichten Linkskurve erreichten wir unser Ziel und es verschlug uns allen den Atem, so schön war der Anblick: Leichte hügelige Landschaft, unsere Holzhütte direkt an einem klaren See, umrahmt von Wald. Ein kleines Ruderboot schaukelte am Steg, daneben ein kleineres Häuschen, die Sauna, wie sich herausstellte. Kein Prospekt kann da mithalten. Wir strahlten vor Glück und rannten erst einmal alle im Evaskostüm ins kristallklare Wasser. Uns wurde sehr schnell klar, wozu man die Sauna braucht, denn der See war doch sehr erfrischend. Fröhlich packten wir aus und unser Urlaub trat nun in die nächste Etappe ein. Wie schwierig diese werden wurde, ahnte an diesem Abend noch keiner.

Am nächsten Morgen erklärte Lukas, dass er auf Elchpirsch gehen werde. Er habe gelesen, dass die Hirvis bei dieser Wärme im Wasser stehen würden und so würde er sich an dem See verstecken und den Elchen auflauern. Okay, das war jetzt zwar nicht unsere erste Wahl, aber die Stimmung war prima und wir wollten, dass sie so blieb. Also packten wir einen Picknickkorb, eine Decke und drei Stühle ein, achteten peinlich darauf, dass alle unsere Sachen in bräunlich-grünen Farben gehalten waren und versteckten uns im Wald in Seenähe. Strategisch günstig hockten wir uns ins Unterholz, eifrig darauf bedacht, kein Geräusch zu machen. Das Fernglas wechselte von einem zum anderen. „Pst, war da nicht ein Knacken im Gebüsch?“ Starr gucken wir uns alle an und wagten kaum zu atmen. Nichts, kein Geräusch mehr. Lukas ging trotzdem in die Richtung einmal nachschauen. Enttäuscht kam er nach einer Viertelstunde zurück und das Fernglas wurde wieder auf das Seeufer ausgerichtet.

Ein wundervoll ereignisloser Tag verging. Sven und ich erholten uns von unseren Alltagsstress hervorragend, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben, etwas zu verpassen. Schließlich taten wir etwas Sinnvolles: Wir warteten auf Elche. Am dritten Tag, bei immer wieder wechselnden Beobachtungsstellen, waren mein Mann und ich schon etwas übererholt und wir drängten auf einen Ausflug nach Savonlinna. Ich kann Finnland nur jedem empfehlen. Ein entzückendes kleines Städtchen mit einer historischen Altstadt voller Holzgebäude, eine trutzige mittelalterliche Burg und ein immer wieder atemberaubendes Panorama aus Felsen, Wäldern und Seen. Lukas Laune sank. „Hier in der Stadt sehen wir nie einen Elch“, maulte er herum. Auch die Burg Olavinlinna konnte nicht überzeugen und er versuchte hartnäckig, auch unsere Stimmung mit in den Abgrund zu reißen.

Also hieß es am nächsten Tag wieder Elch suchen. Vorsichtig erklärten wir ihm, dass wir am darauf folgenden Tag uns gern Mikkeli anschauen wollten, schon ahnend, dass es Ärger geben könnte. „Was, das könnt ihr nicht machen! So wird das nie etwas mit den Elchen! Außerdem seid ihr immer viel zu laut! Ich komm nicht mit! Ihr könnt ja gern gehen ohne mich!“ Ein verzweifelter Anruf bei meinem Bruder ergab, dass er einsah, dass wir Lukas für ein paar Stunden allein auf Elchsafari gehen lassen durften und wir einen Ausflug machen konnten. Wohl war uns nicht dabei und Mikkeli wurde von Hirvigesprächen überlagert. Als wir am späten Nachmittag nach Hause kamen, empfing uns ein ganz entspannter fröhlicher Neffe und erklärte uns: Jetzt könnten wir alles machen, die Sache mit dem Elch habe sich erledigt! Er habe ein Tier gesehen und es war großartig. Mann, waren wir erleichtert!

Nun wurde es richtig schön: Wir ruderten, wanderten, genossen die Sauna, gingen Eis essen in Savonlinna und abends spielten wir ein Tischrollenspiel, in dem Lukas einen Zwerg und ich eine Elfe spielte. Mein Mann führte uns als „Meister“ durch ein Abenteuer voller Trolle, Bären und Drachen. Am Tag suchten wir dann die Fabelwesen im Wald. So verging die Zeit und mir fiel ein, dass wir noch keine einzige Postkarte geschrieben hatten. Lukas machte sich, wenn auch ein wenig lustlos daran, seinen Eltern zu schreiben. Also schlug ich vor, dass er doch auch etwas zeichnen könne. Gleich malte der Junge los. Als ich auf die Karte schielte, war dort ein See mit vielen Bäumen abgebildet und was war das? Ein Tier mit einem graugefleckten runden Kopf im Wasser mit zwei großen Kulleraugen und Tasthaaren an einer runden Schnauze? Waren das Flossen, mit denen es winkte?

Seltsam, das Tier sah mir gar nicht aus wie ein Elch. Heimlich stieß ich Sven an und auch er runzelte die Stirn bei dem Blick auf die Karte. Verschwörerisch blickte er mich an und schüttelte wie beiläufig den Kopf. Als hätten wir uns abgesprochen, sagte keiner von uns etwas zu dem Bild – schließlich wollten wir keine schlafenden Elche wecken. Aber so einfach machte es uns Lukas nicht. Er fragte: „Und wie findet ihr mein Bild?“ „Ja“, wand ich mich, „sieht ganz gut aus“, drehte mich weg und tat so, als ob ich das Abendessen bereiten wollte.

Die Tage vergingen wie im Fluge und wir genossen jeden Augenblick. Doch dann kam unweigerlich der Tag der Heimreise und wir stiegen alle wieder ins Auto. Auf der Fähre angekommen bezogen wir flugs unsere Kabine und gingen dann gleich aufs Oberdeck, um das Ablegemanöver zu beobachten. Die Tampen wurden eingeholt und Helsinki wurde zusehens zu einem weißen Fleck in der Landschaft. An die Reeling gelehnt, konnte ich dann doch nicht mehr an mich halten: „Sag mal Lukas, wie sah denn der Elch aus, den du gesehen hast?“ „Naja, er schwamm im Wasser hatte ein rundes Gesicht, so wie auf der Zeichnung.“ Ich musste ihm einfach die Wahrheit sagen: „Lukas, ich glaube, das war gar kein Elch…“

Schelmisch blickte er mich an und erklärte empört: „Das weiß ich doch. Es war eine Saimaaseenrobbe. Du glaubst gar nicht, wie sehr ich mich gefreut habe, sie zu sehen. Die sind selten und es gibt diese Ringelrobben nur in diesem Gebiet. Ich hatte so ein Glück!“, strahlte er. „Ich finde“, dozierte er altklug weiter „die Robbe kann man gut und gerne als gleichwertig mit einem Elch ansehen. Deshalb war sie für mich auch gleichzeitig ein Hirvi.“ „Aber warum hast du uns das nicht erzählt?“, wollte ich wissen. Verschmitzt grinsend antwortete er: „Papa sagt immer, das man seine Prinzipien haben müsse. Und ich hätte ja wohl schlecht mit euch zu den ganzen Unternehmungen mitgehen können, wenn ich das mit dem Elch noch nicht erledigt gehabt hätte.“ Und wir sollen jetzt nicht so tun, als ob nicht das Beobachten von Robben weniger wert sei als das von Elchen. Lachend nahmen wir uns in den Arm und versicherten uns, dass die Saimaaseenrobbe sowieso die allerschönste sei.

In Deutschland angekommen versprach ich ihm, ihn im nächsten Jahr wieder mitzunehmen. Man könne auch mal ins Elchland Schweden fahren. Daraufhin blickte er mich nur spitzbübisch an und meinte: „Super, dann suchen wir dort nach Trollen!“