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Eine Nacht im Wintermärchen

von C. Ottschoffsky, Bremen

Rückweg von einem sonnigen, kalten und schneereichen Langlaufurlaub in Mittelfinnland im Februar. Es war eine der letzten Fahrten mit der kleinen edlen Finntrader auf der Strecke Helsinki-Travemünde.

Die Fähre legt ab. Nacht, Vollmond, Eis im Hafenbecken. Der Meerbusen soll zugefroren sein, aber die Fähre hat eine Eisbrecherklasse, niedrig, aber ausreichend.
Ich beeile mich beim Abendbuffet und gehe danach an die Reling, aber es ist bitterkalt, also setze ich mich ans Bullauge unserer Außenkabine, Steuerbordseite.

Der Mond - ein Supermond, nah, groß, gelb und freundlich. Ich sitze direkt am Glas, unter mir, seitlich am Schiff, drückt die Fähre das Eis weg; wir fahren über das zugefrorene Meer.

Und was jetzt kommt, habe ich noch nie gesehen, nicht mal in Dokumentationen im Fernsehen: So viele Arten von Eis und so viele Formen und Formationen von Schollen, alle paar Meilen eine völlig neue Eislandschaft! Fräulein Smilla hatte ein Gespür für Schnee, aber ich kenne nur „Eis“. Ich sehe gleichmäßige gleichartige zusammengefrorene Schollenplatten, mit flachen Nähten, dann mit wulstigen Nähten, dann kleine Eisstückfelder, dann längliche Eisstückfelder, dann wellige Frierungen, dann aufeinandergeschobene Eisschollenareale, ich sehe stumpfe Oberflächen, schwarzglatte große Flächen, weißliche Eisfelder - und immer der lange Schein des Mondes über das gefrorene Wasser bis unter mir an den Schiffsrumpf. Manchmal kommen kleine Dunstfelder, manchmal Hochnebel, aber meistens ist der Blick über den Meerbusen frei.

Dann, hinten, ganz anders glitzernd, am Horizont, immer näher, immer bewegter ... das offene Meer, und immer noch der Mond mit seinem langen Lichtkegel zu uns hin.

Ich kann mich nicht losreißen von diesem atemberaubenden Ausblick, will wachbleiben, in dieser mystischen, verzauberten und verzaubernden Wintermeernacht, da ist Schlaf Verschwendung. Ich klettere in meine Koje, oben, versuche den Blick durch das Bullauge zu halten, schlafe aber doch ein.

Wache auf mit einem eigentümlichen Gefühl. Der Schiffsmotor brummt, aber irgendwie leise, fein, kein Stampfen, eher ein Sirren, eine seltsame Lautlosigkeit, wie ein Traum von Gleiten fühlt es sich an.

Durch das Bullauge sehe ich in der Außen-Seitenbeleuchtung leuchtende große Schneeflocken, immer mit uns mit, wie eine Begleitwolke. Sie sind genauso schnell wie wir, sie fliegen nicht vorbei, ich kann mit schlaftrunkenem Blick dieselben Schneeflocken lange im Auge behalten. Ich setze mich wieder ans Fenster, Bettdecke um die Schultern, Kopf angelehnt an das Kopfkissen an der Schiffswand, und so sehe und fühle ich, wie wir mit den Schneeflocken zusammen über das Wasser schweben, als sei die Fähre ein Teil der Schneewolke.

Der Kapitän erklärt mir am nächsten Morgen, dass wir in einen Schneesturm geraten waren, der mit derselben Geschwindigkeit in fast derselben Himmelsrichtung übers Meer fuhr wie unsere Fähre. Frau Holle hatte uns quasi mitgetragen