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Finn-Weh mit allen Sinnen

von J.-J. Henke, Ahlen

Finn-Weh ist ein treffender Begriff für mein ewiges Fernweh nach Finnland. Seit meiner Jugend gibt es diese Begeisterung. Es ist nicht nur eine kleine Phase, sondern in meinem bisherigen Leben immer sehr präsent gewesen.

Denn ich wurde als deutsch-finnischer poika (Junge) geboren. Meine äiti (Mutter) stammt aus Finnland, das ist ihre Heimat, die sie sehr liebt. Als meine Geschwister und ich jung waren, fuhren wir jeden Sommer nach Finnland, das auch für uns zu einer zweiten Heimat geworden ist. Als Schulkind freute ich mich jedes Jahr riesig, wenn es mit Sack und Pack im Auto mit der Fähre – und das war sehr oft die legendäre Finnjet - wieder nach Finnland ging. Wir alle konnten es kaum erwarten, zur „mökki“ (Sommerwohnung) zu kommen, wo wir die finnische Natur schon früh erleben und die Sprache erlernen konnten. 

Wie gerne habe ich mit meinen Geschwistern und Nachbarn im talvi (Winter) auf dem dick zugefrorenen Eis eine Fläche freigeschaufelt und begeistert jääkiekko (Eishockey) gespielt - und dabei war die ausgemusterte Heizung das Tor-, oder wir sind mit sukset (Skiern) unendlich lange über den zugefrorenen See gelaufen. Das, was wir im Sommer mit dem Kajak, Ruder- oder Segelboot gemacht haben, legten wir im Winter eben auf Skiern oder Schlittschuhen zurück. Und der finnische Winter nahe der heimlichen Sporthauptstadt Lahti hat es ganz schön in sich: Da wappnete ich mich mit doppelten Socken und Handschuhen, Kleidung im Zwiebelschalenprinzip, Buff, Mütze und Kapuze gegen das Abfrieren meiner Gliedmaßen. Inzwischen gestehe ich, der finnische Winter ist viel schöner als der deutsche. Kein Wetter, das sich entscheiden muss, sondern einfach Winter und beständiger Schnee. Teilweise herrscht jäätävänkylmä (eisigkaltes) Wetter. Da machen Spaziergang oder Skiwanderung bei minus 20 Grad und blau-weißem Himmel (taivas on sininen ja valkoinen) richtig Spaß und sind eine gute Gelegenheit zum Energietanken und Abschalten. 

Im Winter bin ich mit meiner Familie oft zu Pekka ins finnische Lappland gefahren, in eine Region, aus der der joulupukki (Weihnachtsmann) kommt. Das Weihnachts-Festmahl ist mit dem kinkku (Schinken) – mit finnischem süßem sinappi (Senf) - schon sehr schmackhaft. Gerade in Lappland ist das Aktivitätspotential groß: Husky- oder Motorschlittentouren, Eisangeln. Schneewandern. Aber für mich gibt es eigentlich nichts Schöneres, als die Sauna im Winter und das komplette Wälzen im Schnee. Was für eine Erfrischung!

Meine Eltern haben mir ja meinen zweiten Vornamen „Juhani“ gegeben. Jedes ihrer Kinder sollte einen deutschen und einen finnischen Vornamen haben. Ich habe meinen Namenstag also an Finnlands wichtigstem Feiertag des Sommers. Es ist  eine schöne Sitte, den Beginn des skandinavischen Sommers ausgiebig zu feiern und bis in die tiefe Nacht hinein draußen am Feuer bei Grillwurst und Fisch am selbstgeschnitzten Holzspieß und wieder dem süßen Senf zu sitzen. Perfekt ist der „Juhannus-paivä“, ab dem es praktisch nicht mehr dunkel wird, mit Akkordeon-Musik meiner Schwester am Lagerfeuer am Vesijärvi (Wassersee: der heißt wirklich so). Dort sitzen wir  bis in den späten Abend am See, wenn sich der Himmel so wunderbar rot verfärbt und ich unendlich lange aufs spiegelnde Wasser starre.

Durch die langen Sommeraufenthalte fühle ich mich in Finnland richtig zu Hause. Am meisten liebe ich die Stille am See, die Ruhe im Wald und die einfachen Dinge des Lebens, die uns schon abhandengekommen sind. Da finde ich sie tatsächlich wieder.

Als Jugendlicher liebte ich es, mit der Familie, den vielen Onkeln, Tanten, Cousins und Cousinen mit dem großen Picknickkorb aufs Feld zu gehen und bei der Heuernte mitzuhelfen. Ich hielt es für das Paradies auf Erden. Aber am meisten sehnte ich in der prallen Sonne die Pausen herbei – mit dem Trinken von Sima und Erdbeerlimonade. In der  Pause haben wir dieses Volkslied gesungen: ”Heinäpäivä, poutapäivä, kirkas kesäaamu koittaa, hei, niitty tuoksuu tuuli kun henkii, sirkat siri, siri soittaa.” (frei übersetzt: Heu-Tag, Sommertag, ein klarer Sommermorgen bricht an, hei, die Wiese duftet im Windhauch, die Grillen zirpen.) Und die Frauen tranken kannenweise Kaffee, die Männer, die das schwere Heu aufgabelten, wollten am liebsten deutsches olut (Bier).  

Finnland ist das Land der 1000 Seen. Tatsächlich sind es 188.000 und es gibt unendliche Wälder zu entdecken. Durch Finnland bin ich zur Wasserratte mutiert, ich schwimme für mein Leben gern, auch zur entfernten Insel und bei fast jeder Temperatur. Schon immer bewunderte ich die Reichhaltigkeit, die Farbigkeit, das Spektrum der Natur in einem Land der faszinierenden Extreme. Auf dem See entdecke ich noch heute Vieles mit dem Ruderboot oder dem Kajak, meine eigene See-Safari. Durch Finnland bin ich zum Naturliebhaber geworden, reiche aber nicht annähernd an meinen Vater heran. Mein Vater ist durch Finnland zum absoluten Naturliebhaber und -kenner geworden. Er ist wie ein „Professor Grzimek für finnische Natur und Tiere“, er kennt alle Fische, Vögel und Naturpflanzen mit finnischem, deutschem und lateinischem Namen und ist auch durch die Liebe zu Finnland zum Naturburschen geworden.

Finnland ist meine Zweit-Heimat, so war es für mich keine Frage, auch finnischer Staatsbürger zu werden, als das durch die Doppelstaatsbürgerschaft möglich wurde. Und ich finde es gut, dass auch zwei meiner Kinder die finnische Staatsbürgerschaft wollten. Und dieser finnische Reisepass ist wirklich tierisch gut, mit Tierbildern auf den Innenseiten: hirvi (Elch), sammakko (Frosch), ilves (Luchs), karhu (Bär), als Daumenkino. Aber die hyttynen (Stechmücken) müssen sie unterschlagen haben. Warum wohl?