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von G. Biutkamp, Lübeck

Wenn ich an Outdoor in Schweden denke, fallen mir die schönsten Tage meines Lebens aus fast fünf Jahrzehnten ein. Welches Erlebnis sollte ich da „das schönste“ nennen? Geht das überhaupt?

Ich erinnere mich an die Seehunde, die manchmal bei Kungsbacka ihre Köpfe aus dem Meer streckten, wenn ich 1987 auf dem Küstenweg vorbeiradelte.

Ich erinnere mich daran, wie Selma mich 1990 zum Långsjön bei Mölnbo führte, wo wir auf eine kleine Halbinsel hinauswanderten und hoch oben auf einem Felsen, den sie Klippan nannte, vor einem grandiosen Panorama stehenblieben: Die Junisonne glitzerte silbern auf der gekräuselten Wasseroberfläche des großen Sees, der Wind sang in den Kiefern, es duftete nach Kiefernnadeln, die Weite des Sees erstreckte sich bis zum Wald am fernen Horizont, Vögel umkreisten eine kleine Insel mitten im See, und in meinem Herzen passierte irgend etwas, was ich nicht beschreiben kann - es schmerzte und sehnte sich genau nach dem, was wir gerade sahen, und Selma, die das erkannte, lachte leise und fragte: „Na? Willst du bleiben?“ Und ich blieb für ein Jahr …

Ich erinnere mich an meine Wanderungen auf dem Sörmlandsleden, zumeist nur in meiner eigenen Gesellschaft, die ich zu Hause nur selten zu spüren bekomme, weil ich sie vor lauter Alltag gar nicht zulassen kann. Oh Sörmlandsleden, wie ich deine orangefarbenen Markierungen liebe; wie ich es liebe, von einem See zum anderen zu gelangen, die verschiedenen Wasserarten zu durchschwimmen wie Tonarten in der Musik! Da ist das rostfarbene Wasser des Bergasjön bei Mölnbo, das klare grüne Wasser des Akaren, das glasklare farblose des Stora Yngern … Hier sehe ich im Wasser die Hand vor den Augen nicht, dort schaue ich ungehindert zu meinen Zehenspitzen hinunter und noch viel tiefer; aus dem einen See tauche ich braun gefärbt aus einem fast unheimlich weichen Wasser wieder auf; aus dem anderen steige ich wie reingewaschen und frisch getauft an Land. Ich liebe es, in halb offenen Hütten zu schlafen und freue mich, dass die meisten Wandernden sich ans Allemansrätt halten und ihren Müll mitnehmen, wenn sie gehen. Oder sie lassen einem etwas Nützliches da, z. B. Zeitungspapier, mit dem man ein Feuer in Gang bringen kann, oder alte Isomatten, mit denen man es sich ein wenig bequemer machen kann.

Ich erinnere mich, wie ich einmal Ende Oktober 1990 am späten Nachmittag in Mölnbo einen Spaziergang begann, der in eine Wanderung ausartete, bis ich begriff, dass es dunkel wurde, ich nichts zu essen dabei hatte und die Markierungen nicht mehr erkennbar waren. Wie ich schließlich zunächst zögerlich, dann aber entschlossen einen großen, mir unbekannten braunen Pilz roh verspeiste und dachte: Entweder sterbe ich davon, oder ich sterbe davon nicht. Und wie ich plötzlich mit ungeahnten Kräften gleichsam durch den Wald flog, nach Stunden an einer Asphaltstraße ankam und unter einem unendlich weiten Sternenhimmel ohne Anzeichen von Mondschein weitere zwölf Kilometer zurücklegte, bis ich den Hügel von Gnesta in der Ferne erkannte und mich, kaum im Ort angekommen, in den dort wartenden Pendeltåg warf, als wäre ich bereits im eigenen Zimmer angekommen. Bis heute frage ich mich, was für ein Pilz das war! Ein Karl-Johan-Svamp vielleicht? Zumindest fühlte ich mich wie ein richtiger Karl Johan und starb keineswegs, im Gegenteil!

Ich erinnere mich an meine Schlittschuhfahrten zwischen den Schären auf dem Järnafjord. Weite, unendliche Weite, dazu die Geräusche der Kufen auf dem Eis: Kschsch … kschsch ... kschsch … Es war minus 18 Grad kalt, und es war mir zu kalt, um Fotos zu machen, die Hände wären mir abgefroren.

Ich erinnere mich an eine Tandemtour mit Luis – wie wir wenige Tage nach unserer Hochzeit im Juni 2000 nahezu geräuschlos durch Småland gondelten und ein Elch vor uns auftauchte, den Luis mit dem aufgeregten Ausruf „Ein Elch!!!“ sofort vertrieb; oh wie ich da lachen musste! Elche hatte ich schon oft gesehen, für meinen Mann war es eine Premiere. Von da an wusste er, dass man besser den Mund hält, wenn man den Elch länger sehen möchte als eine Sekunde.

Ich erinnere mich an die kleine Insel Fotö vor Göteborg, deren Felslandschaft eine magische Anziehungskraft besaß und unsere kleinen Kinder im Sommer 2005 inspirierte zu rennen und zu klettern. Auf ihren kurzen Beinen legten sie spielend Kilometer zurück. Nichts war schöner für sie als dieses Gerenne. Wahrscheinlich war es auch gefährlich, aber ich stellte mir vor, dass sie erst in die Spalten fallen würden, wenn ich sie darauf aufmerksam machte – so wie Pippi im Film auf dem Fahrrad durch die Gegend saust, bis Annika sie darauf hinweist, dass es keine Räder hat. Also ließ ich meine Kinder rennen, und sie rannten, was das Zeug hielt. Geschadet hat es ihnen nicht.

Ich erinnere mich an sanfte niedrige Badefelsen am småländischen Vidöstern im Sommer 2013, deren Gestein rundgewaschen war und von der Sonne warm wurde wie eine Wärmebank. Unsere Jungs fuhren mit dem Kajak hinüber, ich ruderte qualvoll mit zwei unterschiedlich langen Rudern  gegen den Sturm an, aber das tat ich gern, da ich wusste, was mich erwartete: Ich würde in einer windgeschützten Bucht baden und danach mich danach in meiner Lieblingsmulde, meiner Steinwanne, aufwärmen, während die Kinder überm Feuer Marshmallows und Köttbullar grillten. Ja, so machten wir es einen Sommer lang jeden Tag, und es war herrlich.

Ich erinnere mich an lilafarbene Hände und verschmierte Gesichter beim Blaubeerensammeln und besonders an den Blaubeerporridge in der småländischen Klostergrottan am Utvandrarleden, wo mein dreizehnjähriger Sohn und ich wie Ronja und Birk einen gewaltigen Regenguss – einen ösregn – abwarteten und im Trockenen geborgen überstanden. Die geräumige Höhle bestand aus übereinanderliegenden Riesenfelsen, urig, ursprünglich, abenteuerlich. Unvergessen!

Und was ist mit Stockholm? Ist es etwa kein Outdoor-Erlebnis, wenn man einen ganzen Tag zu Fuß durch diese wunderbare Stadt tigert? Das mag man sehen, wie man will: Stockholm bedeutet für mich frische Luft und Wandern, sei es durch das Bilderbuch Gamla Stan, nach Skeppsholmen oder Djurgården hinüber und durch den Skansen, sei es zum Kaknästorn hinaus oder auf Södra am Mälaren entlang, wo man unweit der Schrebergartenkolonien mitten in der Stadt zwischen hohen Brücken und mit Blick auf den Globen baden kann. Das ist bizarr, verrückt und idyllisch zugleich.

Wie soll ich also bitte sagen, welches mein schönstes Outdoor-Erlebnis war? Ich glaube, am ehesten ist es der Refrain meines Lebens, den ich immer wieder erleben möchte, eine Erinnerung und Vision zugleich:

Ich wandere oder radele zum Långsjön bei Mölnbo, wohin Selma mich führte an jenem sonnigen Tag im Juni 1990 und wo mich, wenn ich den schmalen Grasdamm überquert und ein Gatter durchschritten habe, geduldig wie die Ewigkeit Klippan erwartet, der Felsen, der mich zum Gebet einlädt, mich, die ich zu Hause fast nie bete - doch hier ist es das Natürlichste der Welt: Klippan ist meine verlässlichste Zuflucht, mein Schutz, der Inbegriff von Mutter Erde. Und wenn ich fertig gebetet habe, küsse ich den Felsengrund, ziehe mich aus und springe ins Wasser – es gibt da eine Stelle, wo es steil und tief hineingeht; die hat Selma mir damals auch gleich gezeigt, und das war gut, sonst hätte ich es mich nie getraut. Ich strampele im kalten Wasser, schwimme ein paar Züge hinaus, atme kräftig, möchte singen und tue es auch:
Danke für mein Leben, tack för mitt liv!