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Mein Traum von Skandinavien und Natur

von J.-C. Henk, Hannover

Schweden. Das Land der Mittsommernächte und der ewig langen Winter. Das Volk der blonden und schönen Menschen. Die Landschaft voller Tannenwälder und Elche und klarer dunkelblauer Seen. Rot-weiße Holzhäuschen Mitten im Nichts und eingerichtet mit IKEA Möbeln. Köttbullar und Schwarzbrot als Nationalgericht und ein glückliches, zufriedenes Leben in einem funktionierenden Sozialstaat.

Diese Bilder, Vorstellungen und Klischees schwirrten Luisa im Kopf herum, als sie zum ersten Mal nach Schweden fuhr. Schweden. „Eine Erinnerung an das, was als gut und natürlich gilt“, so hieß es in ihrem Reiseführer. „An eine unendliche Weite, wie man sie hier nicht mehr findet.“ Schweden ist schon immer das Land ihrer Träume und ihrer Sehnsucht gewesen, seitdem sie denken konnte. Warum das schon als Kind so war, wusste sie nicht. Jetzt war sie 28, arbeitete seit einigen Jahren als Physikerin und betrieb Forschungen und hatte sogar ein eigenes Labor. Es gab immer viel zu tun und immer mehr als genug, worum es sich zu kümmern galt. Über ein ereignisloses oder gar langweiliges Leben konnte sie sich wahrlich nicht beschweren. Und obwohl ihr Kopf stets voller Termine, Konferenzen und Forschungsergebnissen war, gab es einen Teil ihrer Gedanken, eine stille und unscheinbare Ecke sozusagen, der zu jeder Zeit nur für dieses eine Land reserviert war.

Nun wollte sie endlich herausfinden, was sie an Schweden so fasziniert. Zusammen mit ihrer Schwester Marie würde sie für einige Wochen dorthin reisen: Lange hatten die beiden diskutiert, ob sie im Sommer oder im Winter fahren wollten. Wohin genau. Und wie. Dabei hatten sie auch darüber gesprochen, wieso Schweden für die beiden nie zur Diskussion stand. Schließlich gibt es auch eine Unmenge anderer atemberaubender Ziele auf dieser Welt. Und Finnland oder Norwegen würden sehr ähnliche Landschaften anbieten. Wieso also ist es ausgerechnet Schweden, das sie so in den Bann zieht? Sie hatten auch nach einem langen Abend bei einer Flasche Rotwein keine richtige Antwort darauf finden können. Es war eher ein unbestimmtes Gefühl der Sympathie, das nicht richtig greifbar war.

Im Sommer konnten sie in Schweden auf milde Temperaturen und lange Tage hoffen. Sie würden noch abends um kurz vor Mitternacht draußen sitzen und ein gutes Buch lesen können. Sie könnten eine Kanutour zu zweit unternehmen und einfach die Ruhe der Seen und der umgebenden Wälder genießen. Ruhe, aber keine Stille, war ihnen wichtig. Die Geräusche der Waldtiere, das Plätschern des Paddels, wenn es ins Wasser taucht – all das würde dafür sorgen, dass es nicht still ist. Aber ruhig, weil sie dem Trubel der Menschen entkommen könnten. Die großen Nadelwälder würden Schatten spenden und zusammen mit den tiefen kühlen Seen dafür sorgen, dass es selbst im Hochsommer nie heiß sondern höchstens angenehm warm werden würde. Wenn sie vom Paddeln dennoch mal eine Pause gebrauchen konnten, würden sie die Paddel einfach ruhen lassen und warten, bis das Wasser um sie herum aufhört, sich zu kräuseln. Dann wäre es so glatt, dass sie sich darin spiegeln könnten. Etwas, was sie als Physikern schon immer begeistert hatte. Eine nahezu perfekte Spiegelung in der Natur zu finden, blieb für sie etwas Besonderes. Sie könnten auch die Füße über den Rand des Boots ins Wasser tauchen und die kühlende Wirkung des Sees genießen. Am Ende des Tages würden sie sich in den weichen Betten ihrer Unterkunft ausstrecken oder sich vor die Herberge setzen und bis tief in die Nacht ein kühles Getränk genießen und die sich senkende und sofort wieder steigende Sonne beobachten.

Auf der anderen Seite wäre aber auch der Winter verlockend. Um die Weihnachtszeit müsste es besonders schön sein, überlegten sie. Endlich mal wieder die klassischen weißen Weihnachten bei frostigen Temperaturen erleben, wie man sie noch aus der Kindheit kannte. Nicht der nass-graue Matsch bei 15 Grad, wie man es heute gewohnt ist. Dunkle, lange Nächte, in denen es drinnen an einem Kaminfeuer mit einer heißen Schokolade in der Hand noch richtig gemütlich und kuschelig wird und in denen man sich, bei einem Blick in den kalten Tiefschnee draußen, geborgen in der Wärme des Hauses fühlt. Zu dieser Jahreszeit wäre es schön, bei einer schwedischen Familie die lokalen Sitten und Bräuche kennen zu lernen. Und mit ganz viel Glück könnten Luisa und Marie sogar das Polarlicht sehen.

An diesem Punkt waren sie bei ihrer Planung auf die zweite große Frage gestoßen: Wohin genau wollten sie eigentlich? Vom südlichen Trelleborg bis zum nördlichsten Punkt Schwedens erstreckt sich das Land auf 1000 Kilometer Länge. Das heißt nicht nur, dass sie je nach Ortswahl erhebliche Unterschiede in der Länge ihrer Anreise hätten, sondern auch, dass sie ganz unterschiedliche Dinge sehen und erleben würden. Damit verbunden stellte sich ihnen auch die Frage, wie sie reisen wollten: Bahn, Auto, Schiff? Wollten sie campen oder in Herbergen wohnen? Wollten sie möglichst viel Verschiedenes von Schweden sehen oder einen Ort besonders gut kennenlernen?

Nach langen Diskussionen, vielen Recherchen und mehreren umgeschmissenen Plänen hatten Luisa und Marie sich geeinigt. Mit der Bahn fuhren sie Ende Juni nach Travemünde, wo sie mit der Fähre nach Malmö übersetzen würden. Von da würden sie mit dem Zug bis nach Stockholm weiter fahren, um sich einige Tage die Hauptstadt Schwedens anzugucken. Ab hier würde es mit einem Mietwagen weiter gehen. Einige Zeit wollten sie an einem der umliegenden Seen campen, Kanufahren und die Ruhe genießen. Dann würden sie sich auf den Weg Richtung Norden machen und der Küste folgen. Diesen Teil der Reise hatten sie beschlossen, bei der Planung offen zu lassen. Wenn ihnen etwas gefiel, wollten sie spontan entscheiden können, dort zu bleiben oder ihre Route ändern zu können.

An all das dachte Luisa, während sie neben ihrer Schwester auf der Fähre stand, sich die Sonne in das Gesicht scheinen ließ und das Salz auf den Lippen schmeckte. Es kam ihr vor wie ein großes Abenteuer, das auf sie wartete und das mit jeder Seemeile, die sie zurücklegten, etwas näher kam. Und als könne sie dieses Abenteuer in der Ferne am Horizont bereits erahnen, streckte sie ihren Kopf über die Reling, schaute mit leicht zusammengekniffenen Augen auf die unendlich weit wirkende Ostsee und hatte nur noch einen Gedanken im Kopf: „Schweden, ich komme.“