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Shinrin yoku

von L. Förster, Bönebüttel

Amelie war außer sich. Wie hatte sie sich nur auf Svens Ideen einlassen können! Nun stand sie hier vor der fest verschlossenen Tür eines wunderschönen Sommerhauses, irgendwo in einem Waldstück, eineinhalb Autostunden nördlich von Malmö, in Ostseenähe. Es war neun Uhr abends. Sie waren mit der Fähre von Travemünde gekommen und mit ihrem Auto weitergefahren, eigentlich eine sehr angenehme Fahrt mit Frühstück und Liegestuhl auf dem Sonnendeck und einem leichten Abendessen. Von Malmö aus ging es in ruhigem Tempo auf ruhigen Straßen hierher. Alles war glatt gegangen, bis sich herausstellte, dass Sven den Schlüssel des Hauses zuhause gelassen hatte.
„Lass uns doch eine Scheibe einschlagen!“ hatte sie vorgeschlagen. Aber Sven hatte widersprochen: „Auf gar keinen Fall. Das Haus gehört meinem Onkel, und wenn der davon erfährt, dann darf ich nie wieder in dieses Haus.“ Es sollte noch einen Schlüssel  geben, beim Kaufmann im nächsten Ort, aber der war vor nächstem Morgen nicht zu erreichen.
Sven hatte gemeint, sie könnten sich doch die Schlafsäcke aus dem Auto holen und auf der Terrasse ihr Nachtlager aufschlagen, aber da war Amelie explodiert: „Du schlägst hier gar nichts auf! Ich will Dich hier nicht sehen, du Trottel! Wie kann man nur den Schlüssel vergessen!“
Da hatte sich Sven auf die andere Seite des Hauses verzogen.
Amelie hätte Lust gehabt, sich eine Flasche Wein aus dem Auto zu holen und sich zu betrinken. Aber dann holte sie doch nur ein Wasser und den Schlafsack und suchte sich einen Platz zum Schlafen. Auf der Terrasse war es entschieden zu hart. Sie ging ein paar Schritte zwischen jungen Birken hindurch über Grasbüschel und Wurzelwerk, kam zu Fichten und Kiefern, fand weiches Moos unter einer großen Birke, legte ihren Schlafsack zurecht und kroch hinein.
Sie schaute nach oben, dort war es noch hell, während sie unten allmählich von zunehmendem Dunkel eingehüllt wurde. Ihr Atem wurde ruhiger, ihr Ärger legte sich. Sie dachte an die Tage zuvor …

14 Tage vorher

„Shinrin yoku“, sagte Amelie und schaute durch alles hindurch, was sie umgab. Der Monitor auf ihrem Arbeitsplatz verschwamm, das Großraumbüro mit den emsig tippenden, telefonierenden und hin und her hetzenden Gestalten löste sich in schwache Schatten auf, und ihr eben noch herabhängender Kopf hob sich und lenkte ihren Blick in unbestimmte Fernen.
Niemand im Büro hörte sie oder bemerkte ihr untypisches Verhalten, niemand bis auf Sven. Svens Arbeitsplatz war zwar drei Tische entfernt, aber Sven achtete immer auf Amelie. Zu seinem Leidwesen achtete Amelie allerdings eher weniger auf ihn. Amelie achtete normalerweise nur auf ihre Arbeit.
Sven merkte, dass Amelie nicht so war wie sonst. Er sah ihre Augen. Sie waren müde wie nie. Er hörte ihre Worte, die ganz anders klangen als sonst ihre Anweisungen, die auch er zu befolgen hatte. Sie war ziemlich weit oben in der Firmenhierarchie. Deshalb hatte er seine Zuneigung zu ihr bisher in seinem Inneren versteckt. Trotzdem stand er jetzt auf, ging an ihren Tisch und sprach sie an.
„Hattest Du etwas gesagt? Ich konnte es nicht verstehen.“ 
„Das kannst Du auch nicht verstehen“, Amelie lächelte milde und etwas herablassend, „ich sagte ‚Shinrin yoku‘. Das ist japanisch. Und überhaupt, es hat nichts mit der Arbeit zu tun.“
„Ich glaube doch“, sagte Sven, der plötzlich eine Ahnung hatte, was mit Amelie los war, und zu seiner eigenen Überraschung einfach weitersprach:
„Ich glaube, Du hast zu viel gearbeitet. Du bist unendlich müde und kommst doch nicht zur Ruhe. Und nun fragst Du Dich, wie Du wieder zu Kräften kommen kannst und träumst vom tiefen Eintauchen in ein ganz anderes Leben, von Shinrin yoku, vom Waldbaden.“
Was nimmst Du Dir heraus, wollte Amelie entgegnen. Stattdessen stockte sie, schaute Sven verwundert an, nahm ihn zum ersten Mal richtig wahr, den Mann mit den klaren blauen Augen und den freundlichen Mundwinkeln und den  ziemlich blonden Haaren.
„Du hast recht“, sagte sie. Sven schwieg einige Augenblicke, dann huschte ein Lächeln über sein Gesicht und er sagte: „Ich hätte da eine Idee.“…

Und nun lag sie in Schweden auf dem Waldboden und die Augenlider wurden ihr schwer, aber ihre Gedanken wanderten durch ihr Leben. Ihr plötzlich eingereichter Urlaub hatte dem Chef nicht gefallen. Vielleicht würde das nächste Stühlerücken für sie in die falsche Richtung gehen. Aber sie war so fertig gewesen. Und dann hatte Sven von dem Sommerhaus mitten im Wald erzählt, und es hatte so verlockend geklungen. War es nicht genau das, was sie sich von „Shinrin yoku“ versprochen hatte? Kein geführtes Seminar, keine japanische Anleitung, aber doch Wald und Natur und Ruhe. Mit Schrecken dachte sie an den vollen und heißen Mittelmeerstrand in ihrem letzten Urlaub zurück. Hier spürte sie einen angenehm kühlen Luftzug an Stirn und Nase. Sie roch den Duft des Waldbodens. Sie bildete sich ein, auch die Bäume riechen zu können, die Birken anders als die Fichten. Unwillkürlich atmete sie ganz tief, und es war ihr, als wenn sie von Glück durchströmt wurde. Dabei wollte sie sich doch über den Trottel von Sven ärgern.

„Eine Amsel, das muss eine Amsel sein“ war der nächste Gedanke, der ihr in den Sinn kam. Sie öffnete die Augen, es war hell, es war Morgen. Das Vogelgezwitscher nicht nur der Amsel musste sie geweckt haben. Sie hatte die Nacht durchgeschlafen. Sie streckte sich, nicht einmal der Rücken tat weh. Sie kroch aus dem Schlafsack und ging um das Haus herum. Sven war nirgends zu sehen. Aber die Haustür stand offen. Sie ging hinein und der Geruch von frischem Kaffee und geröstetem Brot drang in ihre Nase. Sven deckte gerade den Tisch, kam dann aber schnell auf Amelie zu: „Ich glaube, ich muss mich bei Dir entschuldigen!“
„Warst Du schon beim Kaufmann und hast den Schlüssel geholt? Dafür musst Du Dich nicht entschuldigen. Ich freue mich schon auf das Frühstück!“ Amelie spürte ihren Hunger und wollte sich an den Tisch setzen. 
„Halt!“ Sven stellte sich ihr in den Weg, „Erst muss ich Dir etwas sagen.“ 
„Ich muss Dir auch etwas sagen.“ Amelie legte ihre Hände an seine Schultern.
„Ich“, Sven stockte, „ich hatte die ganze Zeit den Schlüssel. Ich wollte nur sehen, ob Du Dich auf ein Naturabenteuer einlassen würdest. Aber als Du mich dann einfach wegschicktest, war ich sauer und hab es Dir nicht mehr verraten. Es tut mir leid, es war gemein.“
„Du hattest den Schlüssel?“ Amelie stürzte sich auf Sven und trommelte mit ihren Fäusten auf seine Brust. „Du bist richtig fies.“ Sie trommelte weiter auf ihn ein, doch plötzlich schlang sie ihre Arme um ihn, zog ihn zu sich heran und flüsterte ihm ins Ohr: „Du hast mir eine wunderbare Nacht geschenkt. Ich bin Dir unendlich dankbar.“