You are here

Skandinavien. Eine unendliche Freiheit

von Lisabeth Geske

Ich war die Erste, die wach wurde, als an diesem Sommertag im Juli die Sonne hinter den Wipfeln des hinter dem See liegenden Waldes aufging. Die Nacht war kühl gewesen und ich war von einigen Mückenstichen nicht ganz verschont geblieben, doch der Tag würde schön werden, das versprach mir mein Gefühl. Meine Uhr zeigte 05.30 Uhr. Wären es normale Ferien, hätte ich jetzt gestöhnt, denn um diese Uhrzeit stand ich noch nicht mal in der Schulzeit auf, doch hier war alles anders. Die Natur gab mir Kraft und so verzieh ich ihr die wenigen Stunden Schlaf und den frühen Sonnenaufgang.

Vorsichtig, um keinen der anderen zu wecken, schälte ich mich aus dem kuscheligen Schlafsack, zog mir mein Fließ über und öffnete den Reißverschluss des Zeltes. Der Anblick überwältigte mich jeden Tag aufs neue. Auch wenn wir nie lange an einem Ort blieben, war der Sonnenaufgang von jedem, mir bis zu dem Zeitpunkt bekannten Ort einzigartig und wunderschön. Der See lag spiegelglatt und türkis von Kiefern umrandet da und über mir zogen rosa gefärbte Schliere ihre Bahnen durch den dämmerig blauen Himmel. Ich spürte die leichte, aber nicht kalte Brise, die mir angenehm die Harre in die Stirn fallen ließ und schloss für einen Moment die Augen. Nahm meine Umgebung in vollen Zügen in mir auf. Ich hörte den Vogelchor, der uns mit seinen individuellen Stimmen den Morgen verkündete, das Rauschen des Windes über dem Wasser, das Streichen der Böen über das hohe Gras, welches rings um den See in die Höhe spross und das Rascheln der Blätter in den Baumkronen hinter mir, wenn ein Eichhörnchen sein Frühstück suchte.

Ich roch den Wald, frisches Holz und Gras, ich roch etwas Süßes, vermutlich Wildblumen oder Beeren und ich roch den leicht modrigen, aber auch erfrischenden Geruch des Sees. Und dann war da noch ein Geruch, einer den man in meiner Großstadt so gut wie nie riechen konnte. Dieser Geruch nach Freiheit, ach grenzenlosem Glück. Als ich meine Augen wieder öffnete, hatte sich die Farbe des Himmels zu einem kräftigen Gelb-Orange entwickelt und tauchte die Lichtung, auf der wir übernachtet hatten, in ein goldenes Licht. Ich holte mein Zeichenbuch raus und begann, so schnell wie möglich, um kein Detail zu verpassen, die Szenerie mit meinem kleinen Bleistift einzufangen. Ich war noch nicht ganz fertig, als Timo den Kopf aus dem Eingang des Zeltes steckte.

„Na du Frühaufsteher.“ Murmelte er verschlafen und setzte sich neben mich ins noch feuchte Gras. So saßen wir eine ganze Weile da, betrachteten gemeinsam das friedliche Schauspiel. Als ich meine Zeichnung beendet hatte und aufsah, bemerkte ich Timos Blick auf mir ruhen. „Was ist los?“ Fragte ich lächelnd. Wie aus einem Traum erwacht, schüttelte er seinen Lockenkopf, schaute verlegen auf den Boden und sagte: „Ach nichts. Diese Orte verzaubern mich nur manchmal so.“ Schüchtern lächelte er zu mir hoch und vorsichtig legte ich meinen Kopf auf seine Schulter. Ich verlor jegliches Zeitgefühl und kehrte erst zur Realität zurück, als ich die Stimmen aus dem Zelt hinter uns vernahm. Kurze Zeit später erschienen die Köpfe von Lena und Marlon im Eingang und fragten unisono „Frühstück?“ Nachdem wir uns auf dem kühlen Waldboden niedergelassen, gegessen und aufgeräumt hatten, packten wir unsere Sachen zusammen und machten uns auf den Weg, weiter in die Freiheit.

Nach 3 Stunden des unermüdlichen Wanderns, gelangten wir zu einem weiteren See, dessen Wasser noch klarer und unberührter war als das des vorherigen. Die Blicke die wir austauschten genügten und schon hatten wir Rucksäcke und Klamotten auf den kühlen Boden geworfen und sprangen in das kühle Nass. Als meine Füße das Wasser berührten, schien die Zeit wie in Zeitlupe zu verstreichen. Der erste Fuß im Wasser, Kälte, Frische, Erleichterung. Dann langsam der Rest von mir, weitere Kälte, Erfrischung. Und da, zum hundertsten Mal in diesem Urlaub, das Freiheitsgefühl. Die anderen spritzten das Seewasser ins Gesicht und, mich vor den Attacken schützend, machte ich einen Kopfsprung.

Ich liebte dieses Gefühl, diese völlige Schwerelosigkeit, dieses Gefühl schweben zu können und unverwundbar zu sein. Ich tauchte so lange es meine Lungen erlaubten und gerade als mein Brustkorb zu schmerzen begann, tauchte ich aus der Unterwasserwelt zurück in die leuchtende, strahlende Realität. Ich schnappte nach Luft, atmete tief die frische, klare Luft ein und dümpelte, die warme Sonne auf meinem Gesicht, entspannt durch die sanften Wellen, welche die leichte Brise verursachte und sah meinen Freunden vergnügt beim Herumtoben zu. Ich war glücklich. Ja, dieser Ort machte mich so glücklich wie ich es in den letzten Jahren selten gewesen war. Alles schien irgendwie einfacher, friedlicher und unkomplizierter.

Ich wurde von einer plötzlichen Freude überwältigt und begann, ohne richtigen Grund, an zu lachen. Ich lachte so laut, dass sich einige Vögel aus den Baumkronen in die Lüfte begaben und meine Freunde mich verwirrt ansahen. Ich versuchte, vor mich her lachend, zu erklären warum ich es tat, doch ich konnte nicht, denn ich lachte nur noch doller. Und dann, stiegen alle in mein Lachen ein und wir kicherten gemeinsam über das Glück, das uns hier umgab und über die Freude, die wir uns gegenseitig bereiteten. Und unser Lachen hallte laut von den tiefen der Wälder wieder, als würde ganz Skandinavien mit uns lachen, als wäre diese Wunderwelt genau so froh uns hier zu haben wie wir. Als wäre die gesamte Welt für diesen einen wunderschönen Augenblick auf unserer Seite.