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Vielfalt statt Einfalt – persönliche Reise-Impressionen

von W. Stiller, Frechen

„Man muss die Dinge nehmen, wie sie kommen. Und wenn sie nicht kommen, muss man ihnen entgegen gehen.“

Für mich persönlich verrät dieses finnische Sprichwort einiges über den urtümlichen Charakter des zauberhaften Landes und seiner gastfreundlichen, feierfreudigen, dem wahren Leben zugewandten Menschen: Klarheit, bei aller Lebensfreude ein Schuss Melancholie, Tatkraft, trockener, ein wenig kantiger Humor. Ich mag die Finnen. Wie mir überhaupt die nordischen Länder von Dänemark, Schweden und Norwegen nahe stehen. Land und Leute liegen für uns Mitteleuropäer ein wenig abseits, doch die Entdeckungsreise lohnt.

Meist beginnt die Reise erst so richtig in einem Hafen, dem Eintrittstor für unsere Familie nach Skandinavien. Wenn wir im Wind oben auf Deck der Fähre stehen, den Blick über Hafenanlagen schweifen lassen, wirkt  die oft hektische Betriebsamkeit von Alltag und Job in der Heimat wie eine fremde Welt. Beim ersten Nord-Trip reichte uns der Schlafsack unter der Außentreppe, das Schiff rollte gemächlich im sanften Seegang von einer Seite zur anderen. Aber auch die urgemütliche Atmosphäre der Kabine hatte später so ihre heimeligen Reize. Reisen kann tatsächlich viel mehr als notwendiger Transport sein, schon richtiger Urlaub.

Meine Gedanken machen sich dann regelmäßig selbständig. Der Mythos von Skandinavien mit ewig schlechtem Wetter, kühlen Menschen, karger Kost und fehlender Abwechslung – viele mögen daran glauben. Wer die Länder „er-lebt“, weiß es spätestens danach besser.

Finnland (wie Skandinavien)  bietet mir individuelle Vielfalt, Natur, aber auch Kultur pur, Friede und Freiheit – und das natürlich outdoor und indoor.   Beides streichelt Körper, Seele und Geist. In Ruhe relaxen mit 1000 Aktivitäten  im dünn besiedelten so genannten Land der 1000  (geschätzt sind es etwa 188000) Seen – das geht. Einfach mal abschalten. Und wie das geht: Ausgedehnte Meeresflächen vor Schärenküsten sind ein Eldorado für Freunde des Wassersports oder Angelns. Kanufahren, Segeln, vom Boot am See der erste Fisch an der Angel sind bleibende Erlebnisse für Jung und Alt. Fragt nur  mal Kinder, die sich in abgelegenen Häusern mit eigenem Tischlerschuppen im Grünen frei bewegen, spielen und basteln können. Natürlich darf der Gang in die Sauna nicht fehlen. Ebenso wenig wie unbeschwertes Schmökern  beim Lesen im Erker des Hauses mit Blickrichtung Garten und Landschaft.

Unendliche Wälder laden zum Wandern, Joggen oder Biken ein, mit oder ohne Kinder. Blaubeeren, Pilze sammeln in reiner, duftend würziger Luft, den zig verschiedenen Vogelarten lauschen.  Unvergessen, wie wir zum ersten Mal urplötzlich vor einem uns riesig erscheinenden Elch standen, nur ein paar Meter entfernt. Erhabene Gefühle, Respekt vor der Natur, als Mensch selbst ein Teil davon.

Ein Zehntel von Finnland steht unter Naturschutz. Allein Helsinki, drittgrößte skandinavische Hauptstadt nach Stockholm und Oslo, zählt 50 Naturschutzgebiete. Aber auch jede Menge Kultur, Kirchen, Kathedralen, der eigenwillige Hauptbahnhof, Jugendstilbauten, Sibelius-Denkmal, Kuppelsaal in der Finnischen Nationalbibliothek und Museen geben viel zu sehen. Als begeisterter Hobbyläufer und Sportfanatiker  hat es mir das Olympia-Stadion von 1952 mit dem Wunderläufer Paavo Nurmi, „der fliegende Finne“, besonders angetan. In Finnland werden Leichtathleten wie Lasse Viren, der 1972 in München Gold über die 10000 m gewann, noch hoch verehrt, Speerwerfer genießen nach wie vor vollen Nationalstatus.

Und der Abstecher zu den Opernfestspielen nach Savonlinna mit einer eindrucksvollen, mittelalterlichen Burg war allemal eine Reise wert, ein ganz anderes, nämlich musikalisches Outdoor-Erlebnis.

Multikulti der wechselvollen finnischen Geschichte mit starken Verbindungen zu Schweden, unserem ebenso geschätzten Ferienland, das wir mehrfach via Kopenhagen besucht haben, waren und sind für uns faszinierend. Aus gutem Grund kennen die Finnen Schwedisch als zweite Amtssprache. Politisch sensibel dagegen das Verhältnis der auf Unabhängigkeit bedachten Finnen zum Nachbarn Russland. Über jeden Geschmack erhaben: Blinis, russische Eierkuchen mit Lachs.

Gleichgültig, ob wechselndes Wetter oder heißer Sommer, fiel der Abschied aus Finnland und Schweden, immer schwer. Mein Geheimtipp für die Heimat: das Hörbuch vom populären finnischen Schriftsteller Arto Paasilinna „Der Mann mit den schönen Füßen“. Der Reeder Aulis Rävänder lässt darin aus Helsinki humorvoll und authentisch grüßen.

Mit einem Sprichwort begann ich meine Reise-Impressionen, mit einem weiteren trefflichen finnischen Sprichwort will ich schließen: „Hunde werden gerufen, gute Gäste kommen ungeladen.“