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Koli Nationalpark

Reisetipps & Highlights

Gastbeitrag | Text & Fotos: Klaus Herzmann

Zwischen Granitkuppen und endlosen Wäldern eröffnet sich in Nordkarelien eine Landschaft, die seit Generationen als Inbegriff finnischer Natur gilt.

Warum Koli? Weil hier alles zusammenkommt, was den Norden ausmacht: klare Linien in der Landschaft, tiefe Ruhe und Wege, die sich logisch durch die Natur ziehen. Vier Touren zeigen, wie vielseitig sich diese Region erleben lässt – von kurzen Aussichtsrunden bis zu mehrtägigen Strecken.

Aussicht im Koli-Nationalpark

Spektakuläre Landschaft im Koli Nationalpark

Als wir in Helsinki ankommen, hat sich das Wetter bereits beruhigt. Die letzten Ausläufer der Front ziehen ab, und zwischen den Wolken zeigt sich erstes Licht. Schon kurz hinter der Stadt verändert sich die Szenerie: Wälder, so weit das Auge reicht, dazwischen Wasserflächen, die immer wieder aufblitzen. Je weiter wir nach Osten fahren, desto klarer wird, dass diese Reise nicht von einem Ort lebt, sondern von der Weite dazwischen.

Koli empfängt uns ruhig, fast zurückhaltend. Die kleine Bahn hinauf auf den Höhenrücken zieht gemächlich durch den Wald, Fichten und Birken stehen dicht, das Licht fällt in schmalen Streifen zwischen die Stämme. Es riecht nach Harz und feuchtem Holz, nach diesem typischen nordischen Wald, der sofort eine gewisse Ruhe vermittelt. Fast unmerklich öffnet sich die Landschaft. Oben dann der erste Blick: Fels, See, Inseln – alles weit und klar, als hätte jemand die Szenerie bewusst reduziert. Kein Lärm, keine Bewegung, nur diese stille Präsenz von Raum. Lange halten wir uns nicht auf und starten direkt auf den Mäkränkierros.

Der Weg beginnt unscheinbar, führt durch helle Birkenhaine und über weichen, federnden Boden. Kleine Lichtflecken tanzen auf dem Waldboden, während der Pfad langsam an Höhe gewinnt. Schritt für Schritt wird er strukturierter, steiniger, offener. Plötzlich liegen die ersten Felsflächen vor uns, glatt geschliffen, vom Licht aufgehellt. Der Wind nimmt hier oben leicht zu, trägt die Weite über die Kuppen. „Unglaublich“, sagt Manuela leise, als sich der Blick über den Pielinen öffnet. Kein spektakulärer Moment im lauten Sinne – eher ein stilles Staunen, das sich langsam ausbreitet.

Immer wieder wechseln sich Wald und offene Passagen ab. Mal trägt der Boden weich, dann wieder fordert der Fels Konzentration und einen sicheren Schritt. Dazwischen tauchen kleine Senken auf, in denen Moos den Boden dämpft und Geräusche fast verschluckt. Genau das macht seinen Reiz aus – dieses gleichmäßige Vorankommen, bei dem man kaum merkt, wie die Zeit vergeht. Zurück im Hotel lassen wir den Tag ruhig ausklingen. Warmes, sprudelndes Wasser im großartigen Spabereich, große Fenster, draußen die Hügel im weichen Abendlicht. Was für ein Auftakt in der Koliregion!

Wegweiser für Wanderwege im Koli-Nationalpark
Der Koli-Nationalpark bietet zahlreiche Wanderwege für verschiedene Erfahrungslevel. © Klaus Herzmann

Am nächsten Morgen brechen wir direkt vom Sokos Hotel auf. Der große Rundweg des Herajärvenkierros wäre deutlich länger, wir entscheiden uns für die kompaktere Variante von 35 km – intensiv genug für zwei Tage, ohne zu überfordern. Der Pfad verändert ständig seinen Charakter: weiche Waldabschnitte, dann wieder glatter Fels, dazwischen Wurzeln, kleine Anstiege, schmale Passagen. „Man bleibt wach auf so einem Weg“, meint Manuela.

Und genau das trifft es. Immer wieder taucht der Herajärvi-See zwischen den Bäumen auf. Mal liegt er direkt neben dem Weg, mal öffnet sich der Blick von oben auf seine geschwungenen Buchten. Das Wasser wirkt ruhig, fast unbewegt, als würde es die Landschaft spiegeln statt sie zu durchbrechen. An windstillen Stellen scheint die Oberfläche wie ein zweiter Himmel. Der Weg selbst wirkt nie monoton – eher wie ein leiser Wechsel von Stimmungen. Am Nachmittag erreichen wir Kiviniemi. Ein alter Hof, schlicht und ruhig auf einer Landzunge gelegen. Holz, Wasser, ein paar Gebäude – mehr braucht es nicht. Die Atmosphäre ist überwältigend. Ein Ort, an dem man automatisch langsamer wird.

Dort erwartet uns eine Saunazeremonie mit Helena Karhu. Kräuter, frisch gesammelt – Wacholder, Erle, vielleicht auch ein Hauch Vogelbeere – entfalten im warmen Fußbad ihre Aromen. In der Sauna verdichtet sich alles: die Hitze der Steine, das leise Knistern des Feuers, Helenas ruhiger Gesang. Der Dampf trägt die Düfte durch den Raum, mal sanft, mal intensiv. Es ist kein inszeniertes Erlebnis, sondern etwas, das sich organisch entwickelt – ein Zustand zwischen Wärme, Ruhe und Konzentration. Später sitzen wir still da, schauen hinaus auf den See und lächeln. Das war besonders da sind wir uns einig. Am nächsten Tag führt uns der Weg zurück. Wälder, Felsen, Licht – vertraut und doch wieder neu. Kleine Details fallen plötzlich stärker auf: das Knacken eines Astes, das Spiel des Lichts im Moos, das leise Rauschen des Windes. Als wir den Ausgangspunkt erreichen sind wir überglücklich des erlebten – und über das tolle Wetter das uns dabei begleitet hat.

Sauna im Koli-Nationalpark
Eine Sauna-Zeremonie versetzt dich in einen Zustand aus Wärme, Ruhe und Konzentration. © Klaus Herzmann

Nach der Strecke gestern lassen wir es heute ruhiger angehen. Vom Höhenrücken geht es hinunter Richtung See. Der Himmel bleibt grau, doch die Stimmung bleibt heiter. „Passt schon“, sagt Manuela und zieht die Kapuze etwas enger. Am kleinen Hafen steigen wir auf ein Boot. Der Kapitän nickt uns zu: „Good weather for thinking.“ Recht hat er. Die Fahrt über den Pielinen-See bringt genau das, was wir jetzt brauchen: einfach mal treiben lassen. Der See liegt ruhig, nur kleine Wellen schlagen gegen den Rumpf, die Luft ist kühl und klar, fast frisch im Gesicht.


Der Rückweg bergauf ist gleichmäßig, nicht fordernd. Schritt für Schritt geht es zurück durch den Wald. Oben angekommen stellt sich dieses angenehme Wohlsein ein, weder erschöpft noch unruhig zu sein – ergo tiefenentspannt und relaxt. Das Gefühl wird nur noch am Abend überboten denn wir landen im Kolin Ryynänen, einem kleinen Gasthaus mit eigener Brauerei. Drinnen knarzt der Holzboden, die Gläser klingen, und das Bier kommt schneller als man „noch eins“ sagen kann. Die Küche ist unkompliziert, aber genau das Richtige nach einem langen Tag draußen. Wir sitzen da, schauen uns an – und wissen: passt.

See im Koli-Nationalpark
Während des Besuchs im Koli-Nationalpark sollte man die Gegend auf jeden Fall auch zu Wasser entdecken. © Klaus Herzmann

Am letzten Tag fahren wir ins Dorf. Im Skulpturengarten von Lasse Martikainen begegnen uns Arbeiten aus Stein und Metall, die sich ruhig in die Umgebung einfügen. Nichts wirkt laut oder gewollt – eher so, als wären die Formen schon immer da gewesen und hätten nur darauf gewartet, freigelegt zu werden. Am Nachmittag gehen wir noch eine letzte Runde: Kaskenkierros. Ein kurzer Weg, leicht zu gehen, durch Wald und über kleine Höhen. Das Hof-Café auf der Mattila-Farm liegt ruhig in der Landschaft, rot gestrichen, umgeben von Bäumen und Wiesen. Ein Ort, der Wärme ausstrahlt und sich schön für eine lange ausgiebige Rast anbietet.

Zwischendurch öffnen sich noch einmal die bekannten Blicke: Hügel, Birkenlicht, der Pielinen-See in der Tiefe. Alles wirkt vertraut, fast selbstverständlich – und gerade deshalb so eindrücklich. Kein großes Finale – eher ein ruhiger Abschluss der allerdings noch lange nachwirken wird.

Gasthaus im Koli-Nationalpark
Der Hof Mattila liegt ruhig in der Landschaft, rot gestrichen, umgeben von Bäumen und Wiesen. © Klaus Herzmann

Beste Reisezeit

Die Jahreszeiten im Koli-Nationalpark sind intensiv und klar spürbar – jede für sich mit einem ganz eigenen Charakter. Die klassische Reisezeit liegt zwischen Anfang Juni und Ende August: Die langen, hellen Sommertage laden zu ausgedehnten Wanderungen entlang der Höhenzüge und durch tiefe Wälder ein. Immer wieder öffnen sich weite Ausblicke über den Pielinen-See. An warmen Tagen sorgen abgelegene Uferstellen für Erfrischung und Ruhe. Ab Mitte August kehrt spürbar mehr Stille ein. Im September verwandelt sich die Landschaft in ein spektakuläres Farbenspiel aus Rot, Gold und Orange. Tagsüber ist es im sogenannten Ruska noch mild, während die Nächte bereits kühl und klar werden. Gleichzeitig beginnt die Zeit der Beeren und Pilze, die den Wald prägen. Im Winter zeigt sich Koli von seiner stillsten Seite: verschneite Wälder, zugefrorene Seen und klare, kalte Luft. Perfekt für Schneeschuhwanderungen, Langlauf, Eisangeln oder ruhige Touren durch eine nahezu unberührte Winterlandschaft.

Übernachtung

Koli: Break Sokos Hotel Koli, Ylä-kolintie 39,
www.sokoshotels.fi/hotellit/lieksa/break-sokos-hotel-koli

Kiviniemi: Kontiolahti Outdoor
www.kontiolahtioutdoor.com

Literatur

Reiseführer Skandinavien der Norden ISBN: 978-3-8317-3053-7
Landkarte Finnland & Nordskandinavien, ISBN: 978-3-8317-7377-0
Kauderwelsch Finnisch Wort für Wort, ISBN: 978-3-8317-6535-5
www.reise-know-how.de

www.koli.fi/de
www.visitkarelia.fi

Die schönste Anreise zum Koli-Nationalpark ist die langsame Art, bei der der Weg selbst zum Ziel wird: mit Finnlines und eigenem Fahrzeug von Travemünde nach Helsinki und von dort weiter durch die wunderschönen Landschaften Kareliens und das Saimaa-Seengebiet. Die Strecke beträgt ab Helsinki rund 500 Kilometer, die reine Fahrtzeit je nach Jahreszeit und Straßenverhältnissen rund fünfeinhalb Stunden.

Finnlines-Fähre im Schärenmeer vor  Finnland
Die schönste Anreise zum Koli-Nationalpark ist die langsame Art mit der Fähre ab Lübeck–Travemünde nach Helsinki.